Schau, was ich gerade gefunden habe. So schön …
Es war ein kühler, aber klarer Spätsommerabend, als Lea im Dachboden ihres Großvaters eine staubige alte Holzkiste entdeckte. Sie war auf der Suche nach ein paar vergessenen Fotos für das Familienalbum gewesen, als sie hinter einem wackeligen Bücherregal die Truhe bemerkte. Mit zitternden Händen zog sie sie hervor – auf dem Deckel eingeritzt: „Für später.“
„Schau, was ich gerade gefunden habe“, flüsterte sie und holte ihr Handy hervor, um ein Foto zu machen. Der Moment fühlte sich magisch an – als ob sie gerade ein Stück Zeit berührte.
Langsam öffnete sie den Deckel. Ein warmer Duft von altem Papier, Holz und einer Spur Lavendel stieg ihr in die Nase. Darin lagen sorgfältig gefaltete Briefe, vergilbte Polaroid-Fotos, ein Kompass mit eingravierten Initialen – A.S. – und ein altes Notizbuch mit Ledereinband. Auf der ersten Seite stand:
„Für Anna – falls du jemals wissen willst, wer wir wirklich waren.“
Lea war wie elektrisiert. Anna – das war ihre Großmutter, die vor zehn Jahren gestorben war. Niemand hatte je viel über ihre Jugend erzählt. Und jetzt lag plötzlich dieses kleine Vermächtnis in Leas Händen.
Die Briefe waren von einem gewissen Samuel, geschrieben in den späten 1960er Jahren. Sie handelten von einer heimlichen Liebe, vom Aufbruch in eine neue Welt, von Zweifeln, Sehnsucht – und von einem Versprechen, das nie eingelöst worden war: „Ich komme zurück, Anna. Wenn der Herbstwind wieder weht, bin ich da.“
Lea blätterte Seite um Seite. Die Geschichte, die sich da entfaltete, war wie aus einem Film: Anna und Samuel hatten sich als junge Erwachsene auf einer politischen Studentenkonferenz kennengelernt, in einer Zeit voller Umbruch und Rebellion. Doch während Anna in Deutschland blieb, verschlug es Samuel in die USA – Vietnamkrieg, Proteste, Hoffnung, Scheitern. Der Kontakt riss irgendwann ab.
Am Boden der Kiste fand Lea schließlich ein kleines, eingerahmtes Foto. Darauf: Ihre Großmutter – lachend, barfuß auf einer Wiese, neben einem jungen Mann mit wilder Lockenmähne und einem scheuen Blick. Und auf der Rückseite die Worte: „Der schönste Tag, bevor alles anders wurde.“
Tränen stiegen Lea in die Augen. Sie hatte nicht nur ein paar alte Bilder gefunden – sie hatte einen verborgenen Teil ihrer eigenen Familiengeschichte entdeckt. Etwas so Schönes, Zerbrechliches und Menschliches, dass sie es kaum fassen konnte.
Später am Abend saß sie mit ihrem Vater auf der Terrasse und erzählte ihm von der Kiste. Er war zunächst still, dann sagte er leise: „Ich glaube, wir haben Anna nie ganz verstanden. Aber vielleicht hast du heute ein Stück von ihr zurückgebracht.“
Und Lea wusste: Sie würde die Geschichte aufschreiben. Für sich. Für Anna. Für das, was so schön war – und nie ganz verloren ging.