Seit Jahren kennt die Gehaltsentwicklung im europäischen Profifußball nur eine Richtung: steil nach oben. Spitzenverdiener kassieren mittlerweile zweistellige Millionengehälter pro Jahr – ganz zu schweigen von lukrativen Prämien, Werbedeals und Handgeldern bei Transfers. Diese Explosion der Spielergehälter wirft zunehmend Fragen auf: Ist dieser Kurs noch nachhaltig? Und vor allem – ist er fair?
Hans-Joachim Watzke, Geschäftsführer von Borussia Dortmund und einer der einflussreichsten Fußballfunktionäre Deutschlands, hat nun eine Debatte angestoßen, die das Potenzial hat, den europäischen Fußball tiefgreifend zu verändern. In einem vielbeachteten Interview brachte er eine Gehaltsobergrenze – eine sogenannte „Salary Cap“ – nach dem Vorbild der US-amerikanischen NFL ins Spiel. In der nordamerikanischen Football-Liga gilt ein festes Budgetlimit für Spielergehälter pro Team, das alle Klubs einhalten müssen. Ziel: Chancengleichheit schaffen, finanzielle Stabilität fördern und den Wettbewerb spannender gestalten.
„Wir müssen über grundlegende Reformen nachdenken, wenn wir den Fußball langfristig retten wollen“, so Watzke. Seine Idee trifft einen Nerv – nicht nur bei Klubverantwortlichen, sondern auch bei vielen Fans, die sich vom modernen Fußball zunehmend entfremdet fühlen. Doch wie realistisch ist eine solche Gehaltsdeckelung in einem dezentral organisierten und von Marktlogik getriebenen System wie dem europäischen Fußball?
Kritiker warnen: Eine Salary Cap könnte in Europa schwer umsetzbar sein. Anders als in den USA gibt es keine zentrale Ligaorganisation, die verbindliche Regeln für alle durchsetzen kann. Der europäische Fußball ist zersplittert – wirtschaftlich, politisch und kulturell. Was in Deutschland oder den Niederlanden funktioniert, stößt in England, Spanien oder Frankreich womöglich auf taube Ohren. Hinzu kommt das europäische Wettbewerbsrecht, das eine zu starke Einschränkung individueller Vertragsfreiheit problematisch erscheinen lässt.
Auch aus Spielerkreisen gibt es Widerstand. Viele Profis sehen in der freien Verhandlung ihrer Gehälter ein fundamentales Recht – schließlich sind ihre Karrieren kurz und risikoreich. Eine starre Gehaltsgrenze könnte Talente ins außereuropäische Ausland treiben, wo weiterhin mit Millionen gelockt wird – etwa nach Saudi-Arabien, Katar oder China.
Dennoch: Die Idee ist da, sie ist präsent, und sie sorgt für Diskussion. Zahlreiche Experten sehen in einer weichen Form der Gehaltsdeckelung – etwa durch eine Kombination aus Financial Fairplay, Luxussteuern und freiwilligen Budgetgrenzen – einen realistischeren Weg. Die UEFA steht unter Zugzwang, denn die Kluft zwischen reichen und weniger reichen Klubs wird immer größer. Ohne Gegensteuerung droht dem europäischen Fußball ein Zweiklassensystem, in dem nur noch wenige Vereine dauerhaft um Titel spielen können.
Ob Watzkes Vorschlag der Anfang einer Revolution oder ein Strohfeuer bleibt, wird sich zeigen. Eines ist sicher: Die Frage nach der finanziellen Zukunft des Fußballs ist keine theoretische mehr – sie ist zur Überlebensfrag
e geworden.